Auf Deutsch, Fukushima, Japan, 福島原発

Der AKW-Sicherheitsmythos in Japan

Warum haben die japanischen Medien ganz anders auf die Vorgänge in Fukushima reagiert als beispielsweise die deutschen Medien? Warum wurde die Situation in Fukushima noch so optimistisch bewertet, obwohl schon drei Kernschmelzen im waren? Ein Grund dafür ist der Mythos um die Sicherheit japanischer Atomkraftwerke.

Es gibt viele Faktoren, die die japanische Berichterstattung zu Fukushima beeinflusst haben: Eine unüberschaubare Lage durch Erdbeben und Tsunami, die Atomlobby, eine überforderte Regierung und ein Stromunternehmen mit Salamitaktik. Zur eher optimistischen Bewertung der Situation in Fukushima in den Medien hat aber sicher auch der Sicherheitsmythos um japanische Atomkraftwerke (原発安全神話) beigetragen.

Tsuda unterscheidet zwischen zwei unterschiedlichen Sicherheitsmythen (21):

  1. Im Fall eines Unfalls sind die Atomkraftwerke sicher, weil es genug Sicherungsmaßnahmen gibt (油断)
  2. Atomkraftwerke sind sicher, eine Unfallgefahr gibt es nicht (虚偽)

Während (1) prinzipiell noch ein Risiko einräumt, verdrängt (2) dies vollständig.

Wie Tsuda zeigt, transportieren die Zeitungen im Fall von Three Miles Island und Tschernobyl diesen Sicherheitsmythos mit folgender Argumentation (28):

  1. Es gibt ausreichende Sicherheitsvorkehrungen in japanischen Atomkraftwerken.
  2. Die Atomunfälle im Ausland – insbesondere in Tschernobyl – sind nicht direkt mit der Situation in japanischen Atomkraftwerken zu vergleichen. die japanische Technik ist hier überlegen, sodass Unfälle in diesem Ausmaß nicht vorkommen können.

Tsuda führt außerdem noch ein paar Umfragewerte dazu an, für wie sicher die Japaner ihre Atomkraftwerke halten und zeigt, dass der Sicherheitsmythos schon vor Fukushima ins Wanken geriet. Die Analyse der Zeitungsberichterstattung beschränkt sich allerdings auf wenige Beispiele, eine großangelegte Untersuchung zur tatsächlichen Diskussion des Sicherheitsmythos in den Zeitungen über die letzten Jahrzehnte und über Fukushima hinaus steht noch aus.

Literatur

Tsuda, Shôtarô (2013). 「原発安全神話」は実在したか?朝日・読売両紙における「虚偽」と「油断」の神話。In: 大震災・原発とメディアの役割。報道・論調の検証と展もも。新聞通信調査会, 21-29.

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Wie schlimm ist die Lage in Fukushima wirklich?

In einem Artikel auf BBC News schrieb Matt McGrath, dass die Lage in Fukushima noch schlimmer ist, als sie von TEPCO und der Regierung dargestellt wird. Auch ohne ein Experte für Atomkraft zu sein, gibt es logische Gründe, die diese Einschätzung sehr wahrscheinlich machen.

Wie vertrauenswürdig ist TEPCO?

Am Anfang steht die Frage, inwiefern man den Aussagen von TEPCO und der Regierung trauen kann. Dass TEPCO nur wenig vertrauenswürdig ist, dürfte inzwischen wohl allen klar sein. Schon vor dem 11. März 2011 gab es eine Reihe von Skandalen. Und auch die Kernschmelzen in Fukushima sind auf Pfusch zurückzuführen: Hätte TEPCO das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi stärker abgesichert wie etwa das weiter nördlich an der Küste gelegene Kernkraftwerk Onagawa von Tôhoku Electric Power, hätte der Unfall nicht so schlimm ausfallen müssen. Dass aufgrund mehrerer großer Tsunami in der Vergangenheit jederzeit wieder ein Tsunami zu erwarten war, war bekannt.

Wie vertrauenswürdig ist die Regierung?

Auch die Regierung hat infolge der Ereignisse um den 11. März an Vertrauen verloren. Zwar kritisierte die Regierung TEPCO immer wieder für ihr Verhalten, allerdings lassen sich schnell auch Kritikpunkte am Verhalten der Regierung finden:

  • verspätete Evakuierungsanweisung [1]
  • keine Freigabe von notwendigen Daten zur Verbreitung von Radioaktivität, obwohl die Regierung über ein Notfall-Vorhersagesystem verfügt („SPEEDI“) [1]
  • zu optimistische Einschätzung der Lage, in Zusammenhang damit Verharmlosung der Gefahr durch radioaktive Strahlung mit der Formel „es gibt keinen direkten Einfluss auf die Gesundheit“ [2]

Dieses Verhalten erklärt sich aus der engen Verknüpfung von Regierung und Atomlobby in Japan. Nach wie vor ist die japanische Regierung pro Atomkraft eingestellt und auch die aktuelle Regierung unter Abe wird von diesem Kurs wohl nicht abweichen.

Wer hat aus Fukushima etwas gelernt?

Dass TEPCO aus Fukushima was die Kommunikationsstrategie angeht wenig gelernt hat, zeigt auch ein recht aktueller Vorfall: So hatte im März 2013 eine Ratte einen Stromausfall in Fukushima Daiichi ausgelöst. TEPCO hatte dies erst mit 3-stündiger Verspätung an die Regierung weitergegeben. Von den drei Websiten der Tageszeitungen Yomiuri Shinbun, Asahi Shinbun und Mainichi Shinbun hob übrigens nur ein Artikel der Asahi Shinbun diese verspätete Meldung an die Regierung hervor.

Das Verhalten von TEPCO und auch das Verhalten der Regierung in der Vergangenheit machen beide wenig vertrauenswürdig. Besonders die „Salami“-Taktik, Informationen Stück für Stück zu veröffentlichen und zunächst optimistisch vom besten Fall auszugehen, war eine Strategie, die TEPCO wohl trotz vieler Entschuldigungen auch heute noch nicht abgelegt hat. Die Regierung überlässt TEPCO trotz allem weiterhin die Arbeiten und Messungen am Atomkraftwerk – darauf ist sie wohl auch angewiesen, denn wer sollte diese Arbeiten sonst machen.

Dass TEPCO erst jetzt ein Leck entdeckt, dass seit über 2 Jahren besteht ist wohl ein weiteres Anzeichen dafür, dass sich die Informationspolitik nicht ändern wird. In Verbindung damit, dass Fukushima Daiichi noch längst nicht vollständig unter Kontrolle ist und dass das Problem mit den großen Massen an radioaktivem Kühlwasser, die auf dem Gelände liegen, nicht gelöst ist, ist zu erwarten, dass noch weitere schlechte Nachrichten von TEPCO kommen. Aufgrund des bisherigen Verhaltens von TEPCO ist aber zu erwarten, dass diese nicht dann kommen, wenn das Problem akut ist, sondern wenn es sich nicht weiter verbergen lässt.

Verweise

[1] Hizumi, Kazuo & Ryuichi, Kino (2012). 福島原発事故記者会見。東電・政府は何を隠したのか [Pressekonferenzen zum Atomkraftwerk Fukushima. Was haben TEPCO und die Regierung vertuscht?] Tôkyô: Iawanamishoten.

[2] Itô, Mamoru (2012). レビは原発事故をどう伝えたのか [Wie hat das Fernsehen über den Atomunfall berichtet?] Tôkyô: Heibonsha.

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2 Jahre Fukushima – „原発ゼロ☆大行動“-Demo in Tôkyô

Am 11.03.2013 jährt sich der Atomunfall von Fukushima nun schon zum zweiten Mal. Welche Protestveranstaltungen gibt es dazu in Japan?

Unter dem Motto 原発ゼロ☆大行動 – Große Aktion zum Atomausstieg finden unter der Organisation der Metropolitan Coalition against Nukes, einem Zusammenschluss aus Anti-Atomgruppen des Hauptstadtgebietes – mehrere Protestveranstaltungen rund um die Ministerien und Sitze der Stromkonzerne in Tôkyô statt.

Live bei den Protesten dabei zu sein ist eigentlich ganz einfach, denn das Iwakami Yasumi Independent Web Journal (IWJ) streamt auf 8 Kanälen. Die Kanäle findet ihr direkt auf der Startseite von IWJ, was sie zeigen habe ich aber noch einmal übersetzt (Zeitangaben nach japanischer Zeit):

  • Ch1: Luftaufnahmen der Proteste (ca. 21:00 Uhr)
  • Ch2: Versammlung vor TEPCO und dem METI (13:00 Uhr)
  • Ch3: Proteste vor MEXT und dem Finanzministerium (ca. 15:00 Uhr)
  • Ch4: Protest im Gebiet vor dem Amtssitz des Premiers
  • Ch5: Protest vor dem Parlament und (ca. 17:00 Uhr)
  • Ch6: Protest vor J-Power und dem Außenministerium (15:30 Uhr)
  • Ch7: Demo (keine genauere Beschreibung, 14:00 Uhr)
  • Ch8: Peace on Earth Bühne (12:00 Uhr)

Es ist möglich, bei UStream direkt mit dem Twitter-Account zu kommentieren. Der Tweet erscheint dann auch in der Timeline mit dem Hashtag #iwakamiyasumi und der Sendernummer, also beispielsweise bei Kanal 2 #iwakamiyasumi2.

Für Fotos und kurze Kommentare direkt bei Twitter empfehle ich außerdem folgenden Accounts:

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Japan, das Atomdorf und Ôi

In Japan arbeiten, so könnte man es freundlich ausdrücken, Regierung und Atomwirtschaft eng zusammen. Aber wie sieht das eigentlich konkret aus? Uiko Hasegawa von der NGO e-みらい構想 beschreibt das am Beispiel des Kernkraftwerks Ôi (gegen dessen Wiederanfahren der Reaktoren es im Sommer heftige Proteste gab) genauer.

In der Stadt Ôi wurde nach Hasegawa von Anfang an eine oppositionelle Stimme unterdrückt – durch das richtige Zusammenspiel von Subventionen, Unterdrückung und einem „wirtschaftlichen Effekt“.

1. Subventionen

町の年間予算は約一〇〇億円。このうち役六〇億円が原子力発電所関連交付金で、実に予算全体の六割を占める。(Hasegawa 2012: 45)

60% des Jahresetats der Stadt sind Subventionen in Verbindung mit dem Kernkraftwerk. 60% von 10.000.000.000 Yen. Umgerechnet wären das zwar nur noch rund 85.000.000 Euro, aber immerhin noch eine ordentliche Summe. Eine Quelle für diese Angabe nennt Hasegawa im Text nicht.

2. Wirtschaftlicher Effekt

また、町には家族経営の小さな民宿が多数存在するが、宿泊客はの多くは原子力発電所で働く作業員、また定期検査の時に出稼ぎに来る作業員である。(Hasegawa 2012: 44)

Der wirtschaftliche Effekt für die Bewohner ist natürlich am offensichtlichsten. Es gibt viele Menschen, die im Kernkraftwerk oder Subunternehmedamit verbundenen Unternehmen arbeiten. Die lokale Wirtschaft wiederum profitiert von den vielen Arbeitsstellen. Ein konkretes Beispiel, das Hasegawa nennt, sind die Pensionen, in denen die Wanderarbeiter des Atomkraftwerkes übernachten.

3. Unterdrückung

飯原発三、四号機増設の時は、小浜市民の会が反対デモを行ったのですが、人口八〇〇〇人あまりの小さな旧大飯町に、ジェラルミン(ママ)の盾を持った機動隊が一五〇〇人、機動車が四一数台、制服の警官と和服の公安が合わせて一九〇〇人も押しかけました。

(Nakajima 2012, zit. n. Hasegawa 2012: 45)

Hasegawa greift hier auf die Schilderungen des Priesters Nakajima zurück, der von einer Anti-Atomdemonstration gegen den Bau der Blücke 3 und 4 vor inzwischen rund 40 Jahren berichtet. Nach Nakajimas Erzählungen kam in die Stadt mit damals 8.000 Einwohnern ein Polizeiaufgebot an 1.500 Bereitschaftspolizisten.

Insgesamt drei interessante Fakten, die an der einen oder anderen Stelle noch mit weiteren Quellen ergänzt, belegt und bekräftigt werden könnten. Sicher werde ich hier bei meiner Lektüre in den kommenden Wochen noch mehr dazu finden. Wer jetzt neugierig geworden ist: Zu diesem Themenkomplex hat die der Anti-Atombewegung nahestehende Zeitschrift People`s Plan eine Ausgabe mit dem Themenkomplex Gesellschaft nach 3/11herausgebracht, aus der auch der oben zitierte Aufsatz stammt.

Quellen:

Hasegawa, Uiko (2012): 再稼働を止めるために. 新しいデモと地元との対話. People`s Plan 58, 40-48.
Nakajima, Akira (2012):「原発のある地域から___第1回中島哲演さんに聞いた」. Magazin 9 (25.4.2012)

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Kenzaburo Ôe, der Mitläufer!

Eigentlich ist die taz ja die Zeitung, der ich am ehesten zutrauen würde, dass sie sich angemessen mit dem Anti-Atomprotest in Japan auseinandersetzt. Während ich aber für eine wissenschaftliche Arbeit recherchiert habe, habe ich aber leider mal wieder ein Haar in der Suppe gefunden:

„Auch Nobelpreisträger Kenzaburo Oe oder der Komponist Ryuichi Sakamoto, der die Melodie für den Film ,Der letzte Kaiser‘ komponierte, schlossen sich der Bewegung an.“ (http://www.taz.de/!96456/)

Kenzaburo Ôe schließt sich der Bewegung an? Eher andersherum, denn Ôe ist schon seit Jahrzehnten ein Gegner der Atomkraft (da war ja auch schon einmal etwas mit Atombomben und so…). Mit Therapiestation hat er zum Beispiel in den 90ern einen dystopischen Roman geschrieben, der das Leben auf einer nach Atomkriegen zerstörten Erde schildert.

Und einen weiteren Beweis, dass Ôe vorher schon aktiv war, habe ich außerdem noch: Schon ein Jahr zuvor, am 19.9.2011, war er bei der Demo im Meiji-Kôen (明治公園) Mitorganisator!

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