Auf Deutsch, Bücher

Das Hörbuch als Buch-Ersatz?

Zum ersten Mal richtig aufgefallen ist es mir bei Nina von Libromanie: Bei den Lesestatistiken im Januar, Februar und März stehen fast so viele Hörbuchtitel wie Bücher. Auch ich greife oft zum Hörbuch, wenn es möglich ist, denn Hörbücher kann man immer dann hören, wenn keine Zeit zum Lesen bleibt: In der Bahn, beim Kochen, bei der Hausarbeit.

Vorteile von Hörbüchern

Dass ich meine Hörbücher praktisch überall mit hinnehmen kann und dass sie mir lange Wartezeiten verkürzen und kurze Zwischenpausen überbrücken, das ist ein unschlagbarer Vorteil. Noch dazu sind Hörbücher recht günstig verfügbar – entweder für 9,99 € im Abo bei audible.de oder aber ganz umsonst aus der Stadtbibliothek. Hier habe ich auch keine Rückgabefrist, denn ich kann mir die Hörbücher so lange auf meinem Ipod speichern, bis ich sie ausgehört habe.

Ein weiterer Vorteil für mich: Hörbücher kann ich auch hören, wenn mir nach langer, anstrengender Bildschirmarbeit die Ohren schmerzen. Im Gegensatz zum Buch kann ich mein Hörbuch auch mit jemandem gemeinsam hören. Zwar interessiert sich mein Freund beispielsweise für die meisten Hörbücher, die ich höre nicht wirklich, aber als ich neulich „Per Anhalter durch die Galaxis“ mitgebracht habe, hat er auf einmal ganz gebannt zugehört.

Bei so vielen Vorteilen könnten Hörbücher doch eigentlich das Buch ersetzen, oder? Für eine kurze Zeit, am Anfang, wenn die Faszination für das neue Medium am größten ist, tun sie das vielleicht auch. Langsam kommen mir aber auch erste Ermüdungserscheinungen.

Stapel von Hörbüchern

Nachteile von Hörbüchern

Lesen und Hören sind ganz unterschiedliche kognitive Aktivitäten. Und das merkt man auch beim Hörbuch: Es nimmt mich bei Weitem nicht so stark gefangen wie ein Buch. Oft schweife ich gedanklich sogar ab. Dabei würde ich das Hörbuch, wäre es ein Buch, sicher ganz aufmerksam lesen. Woran liegt es also, dass mir Hörbücher immer eine Spur langweiliger vorkommen als „richtige“ Bücher?

Klaus Weimar beschreibt in einem Aufsatz(1) die Technik des Lesens als ein „zu sich selbst sprechen in fremdem Namen“. Indem wir einen Text lesen, lesen wir ihn uns selbst in unserem Kopf vor. Bei Kindern, die gerade lesen lernen, kann man dies oft noch direkt beobachten, wenn sie sich den Text laut vorlesen, um seine Worte über das Ohr zu erfassen.

Liest mir aber ein Vorleser ein Buch vor, muss ich mich an seine Stimme, seinen Sprachrhythmus, seine Geschwindigkeit anpassen. Bei manchen Autoren stört mich deren Vorlesegeschwindigkeit sehr, zum Beispiel liest mir Andrea Sawatzi „Flavia de Luce“ viel zu schnell vor.

Einen Hörbuchautor kann ich zwar bitten, kurz anzuhalten, anders als einem Vorleser kann ich ihm aber keine Fragen stellen oder ihm vorschlagen, sein Lesetempo etwas zu drosseln. Und das entscheidenste: Ich kann nicht bei einem Satz verweilen, den ich für wichtig halte. Oder habt ihr bei einem Hörbuch schon einmal den Versuch unternommen, nach einem bestimmten Satz zu stoppen und ihn erneut abzuspielen? Unmöglich, selbst die Kapitelanwahl ist ja nicht immer eindeutig!

Fazit

Ein Hörbuch bleibt für mich also immer ein Zwischendurch-Buch. In diesen Momenten, also unterwegs und bei Hausarbeiten habe ich viel Freude daran, dass es Bücher auch in dieser Form gibt. Und wenn ich müde bin, dann freue ich mich, wenn mir einer meiner Lieblingssprecher ein Buch vorträgt. Möchte ich mich mit den Inhalten aber tiefgehender auseinandersetzen, dann greife ich doch lieber auf die Buchausgabe zurück.

(1): Weimar, Klaus (1999): Lesen. Zu sich selbst sprechen in fremden Namen. In: Bosse, Heinrich / Renner, Ursula (Hrsg.): Literaturwissenschaft. Einführung in ein Sprachspiel.

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