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Bild Norway Mori ...im Sommer war es endlich so weit: ノルウェイの森 (deutsch: Naokos Lächeln) kam als erste Kinoverfilmung einer Romanvorlage Murakamis in die Deutschen Kinos. Auf die DVD müssen wir uns noch ein wenige gedulden.

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Ursula Gräfe zu Gast bei Reading Murakami.

30. September 2010 von Klappentexterin

Sie ist die Erste, die man beim Aufschlagen einiger Werke von Haruki Murakami, liest: Ursula Gräfe. Die Übersetzerin hat uns viele Romane und Erzählungen des japanischen Autors zugänglich gemacht. Die gebürtige Frankfurterin hat Japanologie und Anglistik studiert und arbeitet seit 1988 als Literaturübersetzerin. Es freut uns sehr, dass wir Ursula Gräfe für ein Interview gewinnen konnten.

Reading Murakami: Haben Sie Haruki Murakami schon einmal persönlich kennengelernt?
Ursula Gräfe: Nein, noch nicht. Er war 2002 in Deutschland, aber da war ich in Tibet.

RM: Wie lange haben Sie für die Übersetzung von 1Q84 gebraucht?
UG: Ungefähr elf Monate. Ein halbes Elefantenbaby (Übersetzerscherz).

RM: 1Q84 enthält die ersten beiden Bände. Der 3. Band ist in Japan bereits erschienen. Werden Sie diesen auch übersetzen?
UG: Hoffentlich ja. Ich würde s e h r gern.

RM: Welches ist Ihr liebstes Buch von Haruki Murakami?
UG: Wilde Schafsjagd gefällt mir sehr gut, und von denen, die ich übersetzt habe, mag ich Naokos Lächeln (im Original Norwegian Wood), das gerade von Trần Anh Hùng verfilmt wurde, Kafka am Strand und Tony Takitani besonders. Murakami ist auch ein Meister der kürzeren Form, also der Kurzgeschichte. Hervorragend finde ich zum Beispiel Schlaf, so wunderschön übersetzt von meiner Kollegin Nora Bierich und im wahrsten Sinne des Wortes phantastisch illustriert von Kat Menschik, die uns hier kürzlich eine Kostprobe ihrer Kunst gegeben hat (danke!!).

RM: Welche japanische AutorInnen faszinieren Sie am meisten?
UG: Von den älteren aus dem 20. Jahrhundert: Ryunosuke Akutagawa – auch er verbindet wie Murakami das Unerhörte mit dem Alltäglichen – , Jun’ichiro Tanizaki, Yasushi Inoue. Von den noch lebenden Autoren der mittleren Generation mag ich z. B. Jiro Akagawa, Hiromi Kawakami, Yoko Ogawa, Hitonari Tsuji, von den jüngeren Nanae Aoyama (Jahrgang 1983).

RM: Sie übersetzen auch englische Bücher ins Deutsche. Inwiefern unterscheidet sich das Übersetzen von einem japanischen Text?
UG: Der Unterschied ist groß. Englisch ist wie Deutsch eine indogermanische Sprache, die mit lateinischen Buchstaben geschrieben wird. Japanisch hingegen funktioniert nach einem ganz anderen Sprachmuster. Es gibt keine Artikel, kein Geschlecht, fast keine Mehrzahlformen, Verben werden nicht konjugiert. Vieles ist nur im Zusammenhang verständlich. Für uns liegt die Schwierigkeit also an den strukturellen Unterschieden. Das japanische Schriftsystem gilt als eines der kompliziertesten der Welt. (Ich kann da nicht widersprechen, wie das genauer aussieht, kann man bei Wiki http://de.wikipedia.org/wiki/Japanische_Schrift sehr schön nachlesen). Es besitzt durch seine Vielschichtigkeit künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten, die mit unserem simplen, sehr praktischen Alfabet nicht einzuholen sind. Die kreativen und auch dekorativen Möglichkeiten in der Verschränkung von Sprache und Schrift sind riesig. Die Redensart, „sich einen Text anschauen“, hat für das Japanische also eine richtig konkrete Bedeutung.

RM: Oft haben materielle Dinge bei Japanern eine besondere Beziehung zu den Menschen. Wie kommt das?
UG: Eine sehr gute und aufmerksame Frage, die mich selbst schon seit längerem beschäftigt. Anscheinend wird die Grenze zwischen Mensch und Ding in Japan weniger eindeutig gefühlt. Ja, man bekommt häufig den Eindruck, Menschen und Dinge seien durch ein gemeinsames Schicksal verbunden. Dingen wird stärkere Wertschätzung entgegen gebracht. Ich diskutiere häufig mit meiner japanischen Kollegin und Freundin Kimiko Nakayama-Ziegler, mit der ich auch schon viel gemeinsam übersetzt habe und die mir in diesen „interkulturellen“ Fragen immer ein Born des Wissen ist. Wir haben auch einen Aufsatz zum Thema verfasst: http://www.schauinsblau.de/ursulagraefe/traduko/die-trauer-der-teeschalen-vom-leben-und-sterben-der-dinge-in-der-japanischen-literatur/

RM: In einem James Joyce Lesebuch hat Fritz Senn die Wichtigkeit dieses so notwendigen, so frustrierenden, immer unterschätzten und kläglich unterbezahlten Umsetzungsvorgangs aufgezeigt. Er meint die Übersetzer. Was sagen Sie dazu?
UG: Was die Wichtigkeit angeht, stimme ich natürlich voll zu. Kollegin Isabel Bogdan hat in puncto ‚unterschätzt‘ eine sehr witzige Glosse geschrieben: http://www.isabelbogdan.de/2010/07/07/unsichtbar/ Unterbezahlt ist – im Gegensatz zu unterernährt – immer ziemlich relativ, ich weiß, ich weiß, das ist kein ordentliches Argument. Ganz klar, der Übersetzerberuf ist mit einem gewissen Risiko verbunden, das muss man mögen.

RM: Haben Sie neben der Übersetzerei auch literarische Vorlieben?
UG: Zu meinen Lieblingsautoren – ich zähle willkürlich durcheinander auf, das macht ja Spaß – gehören Anton Tschechow, R. K. Narayan, Leon Feuchtwanger, Mark Twain, Javier Marias, Juri Rytcheu, Thomas Mann, Terézia Mora, Uday Prakash, Sybille Berg, Bulbul Sharma – äh, ja, und viele andere. Gerade lese ich von Ian Buruma Die drei Leben der Ri Koran und den ersten Band von Koji Suzuki The Ring, das mir bei den Wetzlarer Tagen der Phantastik gekauft habe. Ich bin ein Schmökertyp.

RM: Zu guter Letzt: Sie verbringen jedes Jahr einige Zeit in Asien. Wo ist dort Ihr liebster Ort?
UG: Ja, leider geht das seit etwa zwei Jahren aus familiären Gründen nicht mehr. Aber bisher habe ich gern viel Zeit in Indien verbracht, besonders im sogenannten Hindi Belt – Norden und Mitte. In Indien sind sehr viele Menschen mehrsprachig und auch naturbegabte Übersetzer, mich begeistert, wie lässig und geschmeidig dort zwischen den Sprachen hin- und hergesprochen und -gedacht wird.

Wir danken Ursula Gräfe für das Interview und wünschen ihr weiterhin alles Gute!

Autor(in):

Die Klappentexterin liebt gute Bücher, schreibt über sie auf ihrem Blog und badet gern gemeinsam mit anderen in der Welt der Literatur.


7 Antworten auf Ursula Gräfe zu Gast bei Reading Murakami.

  1. Pingback: Reading Murakami proudly presents… « Ada Mitsou liest…

  2. Slaktus (Marcel) sagt:

    Ich habe jedes Wort dieses Interviews förmlich in mich eingesogen.

    Hier geht natürlich auch nochmal ein Dank an euch vier das ihr Ursula Gräfe für dieses Interview gewinnen konntet.

    Für mich ist der oder die Übersetzerin genau so wichtig wie der eigentliche Autor. Dem Übersetzer gilt meist nur wenig Lob, bekommt dafür aber all die Kritik wenn der geneigte Leser mal meint das das Original immer noch am besten sei. Das Original in einer Sprache die er gar nicht versteht und nicht beurteilen kann.

    Ich bin zwar ein wahrer Japan Fanatiker und liebe die japanische Literatur so wie japanische Musik, Filme und die Kultur an sich. Ich verstehe ein paar Worte und Begriffe. Schriftzeichen kann ich kein einziges lesen. Daher würde ich mir auch niemals ein Urteil erlauben was eine aus dem japanischen, deutsche Übersetzung angeht. Ich habe bereits viele Möchtegern Japanologen getroffen die ihr Wissen aus einem Rosetta Stone Wörterbuch haben und meinen mitreden zu können, und über einen übersetzten Text zu urteilen und ihn mit seinem Original zu vergleichen.

    Da Kafka am Strand mein erster Murakami war, war Frau Ursula Gräfe auch die erste Murakami Übersetzerin die ich somit kannte. Ich war beeindruckt von der flüssigen Sprache. Leicht, bekömmlich, verständlich. Und ein Bild von Ursula Gräfe zu finden war gar nicht einfach als ich den Namen vor längerer Zeit mal bei Google Bilder eingegeben habe. Durch dieses Interview hat sich jedoch bestätigt das ich die richtige Ursula Gräfe damals gefunden hatte.

    Ich bin froh das auch weiterhin direkt aus dem japanischen übersetzt wird. Zumindest hier kann ich mir ein Urteil erlauben wenn es Übersetzungen aus dem japanischen ins englische sind, und vom englischen anschliessend ins deutsche. Das macht einfach wenig sinn in meiner Welt. Ich weiß auch leider nicht wieso der DuMont Verlag daher keine neuen Übersetzungen von “South of the Border” und dem “Aufziehvogel” veranlasst. Aber natürlich dürfte auch hier der Aufwand eine Rolle spielen, und wirklich neu sind die Romane ja auch nicht mehr. Wäre aber eine tolle Sache, keine Frage.

    Eine Interessante Frage wäre da vielleicht noch gewesen was Frau Gräfe von den englischen Übersetzern wie Rubin, Birnbaum oder Gabriel hält, falls sie da mal reingelesen haben sollte.

    Hat spaß gemacht das Interview zu lesen. Habe auch mal ein Lesezeichen zu der Seite mit dem Aufsatz gepackt. Momentan lese ich sogar “Am Meer ist es wärmer” von Hiromi Kawakami, und kann gleich das Zusammenspiel zwischen Urusula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler bewundern.
    An dieser Stelle dann noch, Grüße nach Frankfurt an Frau Gräfe falls sie sich nochmal hier in die Kommentare verirren sollte. Und das sie uns ja auch den dritten Band von 1Q84 übersetzen wird.

    Wo jetzt Koji Suzuki erwähnt wurde, er war der erste japanische Autor von dem ich einen Roman gelesen habe. Natürlich die Ring Saga. Ein Autor der mindestens genau so viel drauf hat wie Stephen King, man aber leider kaum noch neue, ins deutsche übersetzte Texte, zu lesen bekommt. Ao aktiv scheint er aber auch in seiner Heimat nicht mehr zu sein.

  3. Pingback: is a blog» Blogarchiv » Interview: Ursula Gräfe

  4. Ursula Gräfe sagt:

    Erst einmal vielen Dank für den ausführlichen und verständnisvollen Kommentar von Marcel. Ich habe mich auch gar nicht verirrt, ich lese die Kommentare mit großer Spannung, auch den von Ada Mitsou fand ich sehr richtig. Ich muss sagen, dass mir die amerikanischen Übersetzungen eigentlich immer ziemlich gut gefallen – ich kenne alle und besitze die meisten -, wobei mir die von Alfred Birnbaum wirklich etwas zu “pikant” sind, wie Ada auch schrieb. Aber wenn ich mal vorsichtig pauschalisieren darf: Meiner Ansicht nach ist der Unterschied zwischen dem allgemeinen gesellschaftlichen Umgangston in Amerika und Japan größer als der zwischen Deutschland und Japan. In Amerika geht man sprachlich lockerer und weniger hierarchisch miteinander um. Das kommt natürlich in einer Übersetzung zum Tragen, sie soll ja nicht künstlich sein. Wenn man diesen lockeren Ton jedoch dann ins Deutsche transportiert, bekommen die Helden manchmal einen sehr “coolen” Touch, den Murakamis Figuren vielleicht gar nicht so haben?

  5. Slaktus (Marcel) sagt:

    Das freut mich sehr das sie meinen mal wieder etwas zu lang geratenen Kommentar gelesen haben. Aber ich bin an sich schon froh das hier anscheinend jeder meine Kommentare mit der gewissen Überlänge liest. Ich versuche nun etwas kompakter zu schreiben.

    Ich habe gesehen das bei dem Fan der Fans Gewinnspiel bei Facebook “Ursula Gräfe” meinen Kommentar auf “Gefällt mir” gesetzt hat. Wenn das kein Versehen war freut mich dies natürlich enorm o.o

    Das mit der amerikanischen Übersetzung und dem “Slang” den die amerikaner nunmal so an sich haben ist sehr interessant. Also man merkt im Vergleich zu anderen Werken eindeutig das sich “South of the Border” vulgärer liest. “Kafka am Strand” hat zwar auch sehr intensiv beschriebene Liebeszenen, klingt aber einfach wesentlich eleganter.

    Ich wüsste gar nicht wie ich die Helden von Murakami bezeichnen könnte. Ich finde, einen “Coolen Touch” haben sie eigentlich alle. Auch im deutschen. Aber vielleicht ist das für diese Helden sogar der falsche Ausdruck. Ich denke Oshima ist das beste Beispiel. Ich liebe diesen Charakter. Cool wäre hier vielleicht das falsche Wort. Aber er ist abgezockt, hat jede Situation unter Kontrolle und ist extrem klug. Ich wünsche mir in so vielen Situationen einen Oshima an meiner Seite. Ich glaube wir haben sogar ein ähnliches Alter.

    Auch der Namenlose aus der “Trilogie der Ratte” und “Dance, Dance, Dance” hat mir super gefallen. Mir fällt einfach kein Begriff ein, die gut auf diese Charaktere zutreffen.
    Ich sehe das hier eigentlich vier Kommentare stehen müssten laut Anzeige. Ich sehe jedoch nur zwei Kommentare, deswegen kann ich leider nicht auf die anderen Kommentare eingehen falls es dann welche gibt. Aber ich habe eh wieder mehr geschrieben als ich wollte, ist vielleicht ganz gut so, sonst schreibe ich hier noch einen Roman ;D

  6. flattersatz sagt:

    kurz und schmerzlos:

    danke für dieses schöne Interview!

    lg
    fs

  7. Ülkü sagt:

    Es überrascht mich, wie wenig Informationen man über Fr. Gräfe im Netz findet…ich habe zum Beispiel immer gedacht, dass sie zweisprachig mit Deutsch und Japanisch aufgewachsen ist. Eine so schwierige Sprache, die man erst mit dem Studium lernt, so perfekt zu beherrschen, ist ein Zeichen ungeheuren Talents. Es gebührt ihr jedenfalls mein größter Respekt und tiefe Bewunderung. Lang möge sie leben! Liebe Grüße,

    Ü.

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